Kaufen, Abonnieren, Favorisieren. Oder: Wer konsumiert eigentlich wen?

Kaufen, Abonnieren, Favorisieren. Oder: Wer konsumiert wen?

Erinnerst du dich noch daran, wie du damals einen Film einfach bei deiner Videothek um die Ecke ausgeliehen hast? Bezahlt hast du nur für das, was du wirklich haben wolltest und nur für die Tage, wo du den Film auch tatsächlich bei dir zu Hause hattest. Heute ist die Konsumwelt komplizierter geworden. Es gibt für wirklich alles ein Abo oder ein unwiderstehliches Angebot. Du ertrinkst in Werbung. Social Media weckt bei dir Kaufbedürfnisse, von denen du noch gar nichts wusstest.
Du möchtest endlich wieder die Kontrolle über dein Konsumverhalten zurück, aber fragst dich, wie das heute überhaupt noch möglich sein soll? 

Die heutigen Geschäftsmodelle

Das Konzept der heutigen Modelle zielt vor allem darauf ab, dass du dabei bleibst. Dabei zahlst du nicht immer mit Geld, sondern oft auch mit Informationen oder dem ausgesetzt sein einer immer größer werdenden Gehirnwäsche. Kauf noch mehr, das macht glücklich.

Man zeigt dir, worauf es Rabatt gibt, was gut zusammenpasst oder welche Vorteile ein Premium Abo bringt. Und obendrauf erfährst du in einer bunten und funkelnden Bilderstrecke, wie glücklich all die Leute in deiner Stadt sind, weil sie all das haben.

Alles ist darauf ausgelegt, dass du immer noch mehr kaufst, bestellst oder abonnierst. Selbst bei sogenannten kostenlosen Angeboten, musst du üblicherweise ein Konto erstellen und damit deine Daten eintragen. Generell auch wieder mit dem Ziel, dass du andere Angebote annimmst und man dir noch mehr aufschwatzen kann. Wenn man weiß, dass du dich für Musik interessierst, dann neue Lautsprecher-Boxen plus Streaming-Abo plus Multiroom System, und und und …

Und letztendlich ist es völlig verständlich – was jemand kauft wird auch angeboten. Angeboten werden Dinge und Leistungen nur dann, wenn jemand sie erwerben will. Es liegt also an uns genau zu überlegen, was wir kaufen, bestellen oder abonnieren.

Trotzdem: In meiner Kindheit war das Einzige, das man im Abo hatte, der Stromanschluss und der Festnetz Telefonanschluss. Vielleicht noch die Zeitung. Sehen wir uns also mal an, was es heutzutage für Konzepte gibt, mit denen du im Alltag garantiert in Kontakt kommst.

Accounts

Bezahlt man oft nicht mit Geld, sondern mit Informationen. Daten werden weiterverkauft. Werbung zugestellt. Werbung oft auch personalisiert. Man wird zu Premium Funktionen verlockt. Oft sind sie schnell wieder vergessen, weil man sie nur einmal brauchte. Aber der Werbemüll landet Tag für Tag in den eigenen E Mails. Werbung, die auch zu dir als Person passt, ist dabei eine relativ kritische Sache. Sie hat die höchste Chance, dass du anbeißt und etwas kaufst. Werbung kostet Nerven. Frag dich selbst genau, warum du versucht bist ein bestimmtes Angebot anzunehmen. Mach dir das Annehmen so schwer wie möglich.

Social Media

Soziale Medien kosten nichts? Falsch! An erster Stelle kosten sie Zeit. Oft kosten sie auch deine Stimmung. Speziell diese Gesellen wollen so viel von deiner Zeit wie möglich. Warum? Je mehr Zeit du mit sozialen Medien verbringst, desto mehr Werbung können sie dir zeigen.

Sie verdienen ihr Geld mit Werbung und verstärken den Neid auf andere. Je länger du dabei bleibst, desto besser wird die Werbung auf dich zugeschnitten. Pflanzen viele Ideen, was man noch alles unbedingt in seinem Leben braucht. Der Endlos-Scroll soll dazu verleiten so lang wie möglich dran zu bleiben. Einen Blick auf das ach so perfekte Leben von Menschen gewähren, die man zum Teil gar nicht kennt. und mit den Ideen zurücklassen, was man alles kaufen muss, um auch so ein perfektes Leben zu haben.

Abos

Immer wieder aufs Neue zahlen für eine bestimmte Leistung. Abos sind im Trend, aber auch ein Drogendealer Geschäftsmodell: 1 Monat Stoff für 7 bis 15 Euro. Bei Film und Serien-Streaming kann man das noch gelassen sehen – schließlich wurde schon seit jeher monatlich für den Kabelanschluss bezahlt. Und auch vor Rundfunkgebühren gibt es kein Entkommen.

Erschrocken bin ich von der Tatsache, dass einige Bekannte von mir ernsthaft nicht nur einen Streaming Dienst im Abo haben, sondern oft 3, 4 oder 5. Obendrauf noch einen für Hörbücher und einen anderen für Musik. Online- und Handy-Spiele dabei noch gar nicht erwähnt. Spätestens dann lohnt sich zu messen, welchen man wirklich wie oft nutzt.

Einzelhandel

Haben inzwischen auch Online-Angebote und machen Verlosungen und andere Gewinnspiele, um Daten zu sammeln. Verkaufen oft Garantieverlängerungen und besonderen Kundenservice. 

Im Netz ist es die Registrierung – im Laden ist es das Gewinnspiel. Ganz ehrlich: Auch die großen Ketten im Einzelhandel wollen gern deine Kontaktdaten. Inzwischen locken auch dort Zusatz-Angebote wie Versicherung, erweiterte Garantie oder Diebstahlschutz. Neuerdings habe ich bei technischen Geräten auch schon ein Jahr Premium-Kundenservice zum Dazukaufen gesehen.

Zusätzlich gibt es noch eine ganze Reihe von Rabattsystemen von denen viele an eine Plastikkarte gebunden sind. Manchmal auch Stickeralben zum Einkleben oder Stempel in ein kleines Heftchen. Die Masse der diversen Karten der digitalen Rabattsysteme lässt dabei so manche Telefonkarten-Sammlung blass aussehen.

Denk immer daran – selbst echte Angebote sind nur als Köder gedacht. In vielen Fällen ist der vermeintlich reduzierte Preis aber auch anderswo der ganz normale. Sorgfältig zu vergleichen lohnt sich also oft.

Was kannst du da machen?

Komplett abschotten geht sicherlich – wäre vermutlich auch am gesündesten. Jedoch machst du damit deinen Alltag oft auch viel komplizierter. Wobei in einer Welt die immer lauter, heller, schneller und aufdringlicher wird, eine Waldhütte möglichst weit draußen eine wohltuende Vorstellung wird.

Schlimm ist, dass dir fast alle den Eindruck vermitteln wollen, sie würden dir etwas schenken. Versandkosten sparen, Extra Zubehör, man kauft immer noch etwas dazu, weil man das Gefühl hat etwas zu sparen. In Wahrheit folgen sie einem sehr ausgeklügelten Plan. Die positive Erfahrung an xy soll dich daran binden. XY soll dir als erstes in den Sinn kommen, wenn du etwas entsprechendes kaufen willst.

Und jeder, der dir was verkaufen will, will dir nicht nur einmal was verkaufen, sondern, dass du dabei bleibst. Man muss sich fast überall einen Account machen und teilweise kann man gar nicht erst etwas kaufen, ohne das getan zu haben. Du konsumierst nicht; du wirst konsumiert.

Maßnahmen, die man ergreifen kann

Zunächst kannst du dich immer fragen, ob du extra ein Konto erstellen willst. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, kannst du auch noch darüber nachdenken, es möglichst bald wieder zu löschen und die Mails abzubestellen. Deine Daten sind zwar in jedem Fall herausgegeben, aber wenigstens schlägst du dich nicht bis in alle Ewigkeit mit irgendeinem Rattenschwanz davon herum. Dein Leben ist vermutlich bereits kompliziert genug – stell als erstes fest welche Dienste und Abos für dich unverzichtbar sind. Du kannst an der Stelle schon vermeiden irgendetwas doppelt zu haben.

Bei Abos zu einem bestimmten Zweck solltest du dir genau eines aussuchen, dass so gut wie möglich zu dir passt. Das beginnt schon damit, ob du eher Film oder Serien Typ bist.  Etwas komplizierter wird es bei Audio-Inhalten. Natürlich bieten einige Dienste Musik und Hörbücher und Podcasts an. Das klingt erstmal nach dem Rundum-Sorglos-Paket, den man braucht. Leider muss man fairerweise zugeben, dass die Anbieter, die sich auf nur einen der genannten Audio-Inhalte spezialisiert haben, eben dort deutlich mehr Auswahl bieten. Bei reiner Musik kannst du sehr gut abwägen, ob eines der kostenlosen Angebote nicht sogar vollkommen reicht.

Kommen wir zum kritischsten Punkt. Software als Abo, und wir reden hier eher nicht von Spielen, sondern von Anwender-Software. Immer mehr Hersteller gehen dazu über, ihre Software im Abo anzubieten. Die monatlichen Gebühren können dabei schon mal zwischen 50 und 100€ liegen. Das ist besonders ärgerlich für dich, wenn du z.B. nur 2x im Jahr Fotos vom Urlaub oder dem letzten Geburtstag etwas aufpeppen willst. Doch zum Glück hat man bei Anwendersoftware auch die größte Auswahl an kostenfreien Alternativen.

Man muss nicht völlig abstinent sein

Niemand sagt, dass du gar keine Konten, Abos oder Ähnliches haben solltest. Ich denke, das ist auch kaum noch möglich, wenn man zumindest ein gewisses Maß an Bequemlichkeit und Annehmlichkeiten im Alltag haben will. Ein gewisses Maß an Unterhaltung, Zerstreuung und Ausgleich trägt nachweislich auch zur eigenen Gesundheit bei.

Aber man kann man alle 3 Monate darüber reflektieren, welche Abos man evtl. pausieren oder gar abschaffen kann. Damit einhergehend sollte man auch trotz leicht höheren Kosten eher Abos mit kürzeren Laufzeiten wählen. Eine weitere Möglichkeit ist auch, Abos direkt wieder zu kündigen. Auf diese Weise läuft das Abo erstmal ein paar Monate und man erhält kurz vor Ablauf eine Email, die einen erinnert. Der beste Zeitpunkt um nachzudenken, was man wirklich noch nutzt.

Sich das bestellen etwas unbequemer machen: Zahlungsdaten nie speichern, sondern immer selbst bei jedem Kauf neu eingeben. Wenn ich nicht bereit bin diese Hürde zu überwinden, dann will ich etwas auch gar nicht wirklich haben.

Schlichtheit und Einfachheit soll sich nicht nach Verzicht oder Strafe anfühlen.

Wenn man also seine tägliche Dosis Podcast auf dem Weg zur Arbeit auf keinen Fall vermissen möchte, dann sollte man sich das auch frei von Werbung gönnen und zu einem Abo greifen. Hier kann man auch leicht erkennen, ob einem im Alltag Podcast oder Musik wichtiger ist – und schon hat man die erste Frage beantwortet.

Bestraf dich also niemals selber, sondern halt dich an die Dinge und Faktoren, die dir wirklich wichtig sind. Hüte dich vor den Dingen, die deinen Alltag nicht aufwerten aber trotzdem deine Zeit, dein Geld oder sogar deine Nerven beanspruchen.

Die Quintessenz: Man muss bereit sein, sich das Leben etwas unbequemer zu machen. Das ist aber viel mehr eine künstlich erschaffene Wahrnehmung. Es kommt hauptsächlich durch den Kontrast, dass Geld ausgeben so bequem wie möglich gemacht worden ist, um die Maschinerie am Laufen zu halten.

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