Minimalismus ein Privileg für reiche Menschen?

Minimalismus ein Privileg für reiche Menschen?

Das hier wird ein etwas anderer Artikel. Wir geben dir diesmal keine Tipps für deinen Weg zu einem minimalistischen Lebensstil. Stattdessen setzen wir uns mit Kritik am Minimalismus auseinander. Dieser Artikel ist für dich, wenn du Interesse hast, dich intensiv mit deiner Idee von Minimalismus zu beschäftigen. Konkret diskutieren wir, ob Minimalismus ein Privileg für reiche Menschen ist.

Denn in letzter Zeit sind wir häufiger auf Artikel gestoßen, die der Minimalismus Community genau das vorwerfen:

Da wir uns selbst als Minimalisten bezeichnen, wollen wir uns kritisch mit der These auseinandersetzen und sie nicht einfach von uns weisen. Hier findet ihr Artikel von anderen Minimalisten, die sich bereits mit dem Thema beschäftigt haben:

Als wir zum ersten Mal über die Frage nachgedacht haben, hielten wir die Aussage für Quatsch. Warum sollten ausgerechnet Menschen, die bewusst ihren materiellen Besitz reduzieren besonders privilegiert sein? Man sollte meinen, dass jeder die Möglichkeit hat, seinen Besitz zu reduzieren. Wirklich schwierig ist doch nur das Gegenteil, nämlich Besitz anzuhäufen. Oder etwa nicht?

Was ist ein Privileg?

Ursprünglich stammt der Begriff Privileg aus dem Römischen Recht und bedeutete so viel wie Ausnahmegesetz oder Vorrecht. Beispielsweise wurde Cicero das Privileg gewährt aus seiner Verbannung zurückzukehren. Im Mittelalter wurde einzelnen Personen erlaubt, Münzen zu prägen oder Wappen zu führen. 

Heute bezieht sich der Begriff eher auf soziale Ungleichheit und bezeichnet den unverdienten Vorteil einer bestimmten Gruppe in der Gesellschaft. Wenn man zum Beispiel aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder sexueller Orientierung in den Genuss von Vorteilen kommt. Das bedeutet auch immer, dass andere aus demselben Grund benachteiligt werden. Typische Beispiele in unserer heutigen Gesellschaft? Männer verdienen oft mehr als Frauen, obwohl sie in ihrem Job dasselbe leisten. Und heterosexuelle können sich öffentlich küssen, ohne dafür angefeindet zu werden.

Kommen wir zurück zu der Frage, ob Minimalismus ein Privileg für reiche Menschen ist. Das würde bedeuten, dass reiche Menschen aufgrund ihrer finanziellen Mittel bessere Chancen haben, die Vorteile eines minimalistischen Lebensstil zu genießen. Oder andersrum gesagt: Bleibt armen Menschen die Chance auf ein minimalistisches Leben verwehrt, weil sie weniger Geld haben?

Braucht man viel Geld um minimalistisch zu leben?

Das sicherlich nicht. Ganz im Gegenteil. Oft wird Minimalismus sogar als ausgezeichneter Lebensstil angepriesen, um Geld zu sparen. Minimalismus bedeutet nicht nur Ausmisten, sondern auch bewusster Konsum. Das heißt, wir fragen uns vor jedem Kauf: “Brauchen wir das wirklich?” Dadurch entfallen jede Menge Anschaffungskosten, aber auch Kosten für die Wartung, den Betrieb und die Entsorgung von materiellen Gegenständen. So lässt sich mit Minimalismus Geld sparen, weshalb man denken könnte, dass absolut jeder die gleichen Chancen auf ein minimalistisches Leben hat.

Dabei vergisst man jedoch leicht, dass arme Menschen oft nicht die Wahl haben. Arme Menschen fragen sich ebenfalls vor jeder Anschaffung: “Brauche ich das wirklich?” – allerdings gezwungenermaßen. Während bei armen Menschen trotz bewusstem Konsum oft kein Geld am Ende des Monats übrig bleibt, können reiche Menschen durch Minimalismus tatsächlich Geld ansparen und sich dadurch Vorteile verschaffen. Wer das gesparte Geld in Aktienfonds stecken kann, der kann möglicherweise mit 40 in Rente gehen, sich eine 4-Tageswoche erlauben oder das Geld in einzigartige Erlebnisse investieren. Oder man entscheidet sich dazu, mehr Wert auf Qualität zu legen und investiert sein Geld in hochwertige digitale Geräte, teure Designer-Möbel, Bio-Lebensmittel oder fair hergestellte Kleidung.

Genau das macht den Unterschied zwischen armen und reichen Menschen aus. Arme Menschen müssen ihren Konsum gezwungenermaßen einschränken, haben dadurch aber keinerlei zusätzliche Vorteile. Reiche Menschen hingegen können durch Minimalismus Geld sparen und sich dadurch mehr Zeit oder Lebensqualität erkaufen.

Man braucht Geld, um überhaupt erst sein Bedürfnis nach Minimalismus zu entdecken

Das ist zumindest meine persönliche Erfahrung. Als Studentin hatte ich auch nie Geld am Ende des Monats übrig und das, obwohl ich mich vor jeder Anschaffung gefragt habe, ob die wirklich nötig ist. Während meines Studiums habe ich eine Liste angelegt mit all den Dingen, die ich mir endlich kaufen würde, wenn ich meinen ersten richtigen Job habe. Ich dachte damals, dass mich das glücklich machen würde, nachdem ich mich so lang eingeschränkt hatte. Ganz richtig, ich habe mein Konsumverhalten damals als Einschränkung erlebt und nicht etwa als bewussten Konsum, der mir ein gutes Gefühl gibt.

Der erste richtige Job kam und ich habe mir ca. ein Jahr lang alles Mögliche gekauft, ohne groß darüber nachzudenken. Ich habe einfach genossen, dass ich das endlich konnte und viele der Dinge machen mich auch heute noch glücklich. Aber irgendwann kam der Tag, an dem mir klar wurde, dass noch mehr Dinge mich auch nicht glücklicher machen würden. Und ich habe mich bewusst für ein minimalistisches Leben entschieden. Erst als ich mal Geld übrig hatte, habe ich gelernt, dass zu viel Besitz einen auch erdrücken kann und wertvolle Zeit frisst. Erst dann habe ich die befreiende Wirkung von Minimalismus verstanden.

Das spiegelt sich auch in den Geschichten von bekannteren Minimalisten wieder

Allen voran Ryan Nicodemus und Joshua Fields Millburn, auch bekannt als “The Minimalists”. Die beiden hatten alles erreicht, was uns angeblich glücklich machen soll: Ein sechsstelliges Gehalt, ein teures Auto, ein großes Haus, und so weiter und so fort. Dann haben sie erkannt, dass sie trotz alldem nicht wirklich glücklich waren. Worin liegt der Sinn, immer mehr zu arbeiten, um immer mehr Zeug anzuhäufen, was dann doch nicht glücklich macht? Kurzum: Genau wie ich, haben auch Ryan und Joshua die befreiende Wirkung von Minimalismus erst zu schätzen gelernt, als sie sich all das kaufen konnten, was angeblich glücklich macht.

Minimalismus ist ein Privileg, allerdings braucht man kein sechsstelliges Gehalt, um in den Genuss zu kommen

Jeder hat eine andere Haltung zu materiellen Gegenständen. Es gibt Menschen, die lehnen ein minimalistisches Leben komplett ab und sind stolz auf ihr großes Haus, ihr Luxusauto und ihr sechsstelliges Gehalt. Andere erkennen erst, wenn sie all das hatten, dass es auch nicht glücklich macht. Ich hatte nach meinem Studium einfach ein ganz normales Gehalt und habe mich bewusst für ein minimalistisches Leben entschieden. Das bedeutet, Minimalismus ist auch nicht zwingend ein Privileg für wirklich reiche Menschen. Ich denke, die Mindestvoraussetzung ist eher, dass man für eine Weile mal Geld übrig hatte am Ende des Monats und entscheiden konnte, wie man damit umgehen möchte.

Wenn Minimalismus ein Privileg ist, was bedeutet das für unser Denken und Handeln?

Der erste Schritt ist immer, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Ich persönlich bin dankbar für jeden kritischen Artikel über Minimalismus, denn er hilft mir über mich persönlich und meine Lebensweise zu reflektieren. Ich weiß mehr zu schätzen, dass ich mich nicht zwangsläufig einschränken muss, sondern mich bewusst dazu entscheiden konnte. Mir ist klar geworden, dass ich durch mein bewusstes Konsumverhalten eines Tages vielleicht von meinen Ersparnissen leben kann und dadurch mehr Zeit haben werde. Andere müssen ihr Konsumverhalten einschränken und werden diese Möglichkeiten nicht haben.

Ein Privileg sollte nicht nur Vorteile mit sich bringen, sondern auch eine Verantwortung. Wenn wir es uns leisten können, Dinge auszumisten, dann sollten wir das auf nachhaltige Weise tun und diese zum Beispiel an ein Second-Hand Kaufhaus spenden. Unsere Ersparnisse sollten wir nicht nur in unsere eigene Zukunft investieren, sondern auch nutzen, um faire Herstellung und lokale Anbieter zu unterstützen. Und wenn wir über Minimalismus schreiben, dann sollten wir Minimalismus nicht als heiligen Gral für Jedermann verkaufen. Denn für manche ist es ein Lebensstil, für andere bittere Lebensrealität.

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3 Gedanken zu „Minimalismus ein Privileg für reiche Menschen?

  1. Moreno

    Ganz tolle Reflektion. Der bewusste Entscheid minimalistisch(er) zu Leben kann wirklich als „Luxus“ betrachtet werden. Man muss zunächst einen gewissen finanziellen und materiellen „Überfluss“ erlebt haben, um überhaupt zu dieser Entscheidung zu gelangen.

    1. genug team

      Lieber Moreno,

      danke dir für dein Lob 🙂

      Habe gerade euren neuen Blog entdeckt! Ihr seid ja auch auf ähnliche Weise zum Minimalismus gekommen: „Wir hatten alles und trotzdem waren wir unzufrieden mit unserem Leben.“

      Bin gespannt, wie es auf eurem Blog demnächst weitergeht 🙂

      Liebe Grüße
      Jennifer

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