Ist Ausmisten die Voraussetzung dafür minimalistisch zu leben?

Ist Ausmisten eine Voraussetzung dafür minimalistisch zu leben?
Ist Ausmisten die Voraussetzung dafür minimalistisch zu leben?

#002 Transkript

Thomas: Willkommen zum genug-Podcast. Dem Podcast über Minimalismus und unkomplizierte Lebensweise. Wir sind Thomas und Jennifer – die beiden Hälften des genugteams. Unsere heutige Folge: Warum Minimalismus eigentlich immer mit Aufräumen, Ausmisten und Entrümpeln anfängt. In der aktuellen Episode, reflektieren wir darüber, welche Rolle das Ausmisten bei unserem Weg zum minimalistischen Leben gespielt hat. Weil egal was man darüber liest, es beginnt irgendwie immer mit Aufräumen, Ausmisten und Kram wegwerfen. Also Jennifer, was glaubst du, was deine ersten Gedanken waren, die dich schlussendlich zum Minimalismus gebracht haben?

Jennifer begann durchs Ausmisten, minimalistisch zu leben

Jennifer: Zuerst einmal glaube ich, dass der Zeitpunkt wenn man von zu Hause in seine erste eigene Wohnung zieht eine ganz ganz wichtige Rolle spielt. Denn dann kann man zum ersten Mal so richtig selbst entscheiden, wie man seine Wohnung einrichtet. Man verdient vielleicht sogar schon eigenes Geld und kann dementsprechend auch selbst über größere und kleinere Anschaffungen entscheiden. Allerdings wird man auch stark davon geprägt, wie man aufgewachsen ist und auch davon, welche Denkmuster man von seinen Eltern vorgelebt bekommen hat. Wenn die eigenen Eltern zum Beispiel immer alles aufbewahrt haben für den Fall, dass man es doch nochmal gebrauchen kann. Dann gibt es sicher einige, die übernehmen genau diesen Gedanken, wenn sie eigene Entscheidungen in ihrer Wohnung treffen und andere, die machen alles grundlegend anders.

Jennifer: Bei mir zu Hause war es zum Beispiel vollkommen normal, dass wir ein extra Esszimmer hatten und ein Wohnzimmer und im Wohnzimmer war auf jeden Fall auch ein Fernseher. Und gemeinsam Fernsehen war auch so eine klassische Abendaktivität, das war einfach normal. Und als ich dann als Student in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, da hatte ich natürlich erstmal nicht so viel Geld und auch nicht so viel Platz. Also hatte ich mir relativ wenig gekauft am Anfang. Allerdings habe ich auch viel bekommen. Also die Eltern meinen es dann auch irgendwie gut, wenn das Kind in die erste eigene Wohnung zieht. Und dann hatte ich plötzlich den alten Röhrenfernseher von meinem Bruder oder sowas und den hatte ich dann auch einfach mal 5 Jahre oder so. Dabei habe ich ihn eigentlich nie benutzt – ich hatte ihn nur irgendwie, weil es sich scheinbar gehört einen zu haben.

Denkmuster aus der Kindheit

Jennifer: Und trotzdem dachte ich mir beim Röhrenfernseher auch lange Zeit: Ja, wenn du den dann doch noch irgendwann brauchst, behältst du den besser, bevor du dir jetzt als Student irgendwie einen neuen Fernseher für 500 Euro kaufen musst. Da sieht man also wieder die Macht der Denkmuster, die man aus seiner Kindheit mitnimmt. Als ich dann zum ersten Mal selbst Geld verdient hatte, da hatte ich so eine kurze Phase von “Okay, du gönnst dir jetzt auch mal was!” Weil die ganze Zeit hatte ich eher sparsam gelebt, weil man als Student auch einfach nicht so viel hat. Als ich meinen ersten richtigen Job hatte, da hab ich dann also erstmal die Schlafcouch rausgeschmissen und mir ein vernünftiges Bett gekauft. Und ich hab mir zum Beispiel einen richtig guten selbstgebastelten PC gegönnt.

Jennifer: Aber irgendwann habe ich gemerkt: Okay, eigentlich habe ich jetzt trotzdem nicht das Bedürfnis mir noch mehr zu gönnen, obwohl ich ja jetzt kein Student mehr bin. Da habe ich gemerkt, dass ich kein besserer Mensch werde, wenn ich mehr Besitz habe oder mehr Statusgegenstände. Gleichzeitig habe ich dann auch endlich ziemlich radikal all die Dinge ausgemistet, für die ich mich persönlich eigentlich nie selbst entschieden hatte. Zum Beispiel den alten Röhrenfernseher von meinem Bruder.

Minimalistisch leben geht auch ohne Ausmisten sagt Thomas

Thomas: Eine wichtige Erfahrung, die ich schon hatte als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe: Ich bin kein anderer Mensch geworden, weil ich mir ein teures Handy gekauft hab. Und irgendwann habe ich das gleiche Erlebnis nochmal gehabt mit einem richtig teuren selbst gebastelten Computer. Aber auch da habe ich festgestellt: Ich bin kein anderer Mensch geworden. Dadurch habe ich angefangen Energie, Zeit, Geld was auch immer nur dann zu investieren wenn es unbedingt notwendig ist. Das hat mich zu der Frage gebracht, die ich fast immer als erstes stelle: Lohnt sich der Aufwand? Ist es das wert?

Jennifer: Aber warum hattest du diese Einstellung? Also warum hast du dich ursprünglich immer irgendwie gefragt: Muss ich das wirklich tun? Bringt das einen Nutzen?

Thomas: Ich bekomme einfach Gänsehaut, egal welcher Art von Verschwendung ich begegne. Ich meine viel wertvoller als Geld zum Beispiel ist Zeit. Geld kann man neu verdienen, Zeit nicht. Man hat auch in seiner mentalen, emotionalen oder körperlichen Belastbarkeit begrenzte Reserven. Nach der Frage: “Lohnt sich der Aufwand?” denkt man eine zeitlang darüber nach und kommt sehr häufig zu dem Ergebnis: Nein, eigentlich nicht.

Ob sich der Aufwand lohnt

Thomas: Deutlich gezeigt hat sich das, als ich zu Hause ausgezogen bin. Weil ich bin quasi mit nichts ausgezogen außer einer Matratze auf dem Boden. Auf einem Pappkarton stand mein Computer drauf, meine Kleidung lag in 2 Klappboxen. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade mal 2 Monate am Arbeiten und hatte mir gedacht: Du kannst dich direkt unabhängig machen und alles andere ergibt sich nach und nach. Ich hatte zum Beispiel keinen Fernseher. Ich hab ihn aber auch witzigerweise nicht vermisst. In der Zeit, wo ich bei meinen Eltern gewohnt hab, habe ich jede freie Minute, kaum dass ich zu Hause war, entweder mit dem  Fernseher oder dem Computer, verbracht. In meiner Wohnung hatte ich kein TV und habe ich mir auch Internet erst sehr spät zugelegt. Ich hab beides nicht vermisst. Das klingt verrückt, aber mir hat nichts gefehlt.

Jennifer: Was hast du dann stattdessen gemacht?

Thomas: Ich hab viel Musik gemacht in der Zeit. Das war fantastisch. Ich habe einfach die Ruhe genossen, wenn ich von der Arbeit kam. Und die meiste Zeit hab ich tatsächlich Musik gemacht, Lieder geschrieben. Man macht auf einmal schöpferische Dinge. Man schreibt, man macht Musik, man liest. Und es sind die Dinge, von denen ich sage, man macht sie nicht nur, sondern sie machen auch was mit einem selbst. Es bringt dich dazu bewusst über Dinge nachzudenken, die dir am meisten bedeuten.

Jennifer: Was ja eigentlich ein Kerngedanke vom Minimalismus ist. Aber war dir selbst das damals eigentlich schon klar?

Fokus auf wenige Prioritäten

Thomas: Für mich ging es immer darum, mich selbst in eine Richtung zu bewegen, die ich für erstrebenswert hielt. Sehr viel später in meinem Leben, wo ich oft nach Tricks für mehr Produktivität gesucht habe, bin ich dann über das Thema Produktivität auf Minimalismus gestoßen und hab dann erst realisiert, dass dieser Fokus auf die paar Prioritäten, die man gesetzt hat so heißt. In dieser Weise gedacht habe ich eigentlich vorher schon.

Jennifer: Bei mir kam irgendwann der Punkt, an dem ich nicht mehr viel auszumisten hatte. Als ich auch gemerkt habe, ich habe gar nicht das Bedürfnis mir viel zu kaufen. Erst später bin ich dann auf Menschen gestoßen, die in ähnlicher Weise denken, und dass die sich selbst als Minimalisten bezeichnen.

Jennifer: Das heißt wir hatten beide eigentlich einen sehr unterschiedlichen Weg zum Minimalismus. Du bist durch die Konzentration aufs Wesentliche zum Minimalismus gekommen, während ich mich erstmal von ordentlich physischem und mentalem Ballast befreien musste. Am Ende haben wir aber beide festgestellt, dass Minimalismus sich gut mit unseren Werten deckt.

Ausmisten ist einer der häufigsten Einstiegspunkte in ein minimalistisches Leben

Thomas: Daran sehen wir also, dass minimalistisch leben nicht zwangsläufig beim Ausmisten und Entrümpeln beginnt, aber dass es in vielen Fällen darauf hinausläuft. Und das fassen wir jetzt einfach mal zusammen: Menschen beginnen sich oft für Minimalismus zu interessieren, weil ihnen etwas in ihrem Alltag zu viel geworden ist und in einem Großteil der Fälle ist es der Kram, der sich angesammelt hat. Und damit wäre dann Entrümpeln der erste logische Schritt. Man mistet aus und stellt vielleicht fest, dass es auch irgendwie andere Vorzüge mit sich bringt.

Jennifer: Man stellt dann möglicherweise fest, dass man Geld spart, dass man den Kopf frei hat, dass man vielleicht sogar nachhaltiger lebt oder sowas. Aber ich glaube das alles geht nur, weil man am Anfang einmal entweder eh schon wenig besitzt oder, wenn man das einmal richtig reduziert. Dadurch kommen viele Menschen zum Umdenken, wenn sie merken wie viel Ballast sie bisher durch ihr Leben geschoben haben.

Thomas: Was wir bei all dem aber nie vergessen dürfen, sondern mehr unterstreichen müssen. Minimalismus ist viel viel mehr als Sachen wegwerfen.

Ausmisten als Startpunkt um minimalistisch zu leben

Jennifer: Denn nach dem Ausmisten kann man eigentlich nicht sagen: Okay, jetzt bin ich Minimalist, jetzt bin ich auch fertig damit. Sondern dann fängt das ja eigentlich erst an, dass man minimalistisch leben kann. Ich würde sagen, dieses Ausmisten ist vielleicht mehr so eine Vorbedingung. Man muss das mal gemacht haben. Und im Idealfall muss man das ja dann gar nicht nochmal machen, weil man dann ja einfach minimalistisch leben kann.

Thomas: Und wie man minimalistisch leben kann und auf wie viele verschiedene Arten man das tun kann, wird sicherlich Stoff für einige der vielen Folgen, die noch kommen werden. Also bleibt dran! 

Thomas: Und falls ihr unseren Blog lest, schreibt uns ruhig, wie ihr zu Minimalismus gekommen seid. Hat das bei euch auch mit Ausmisten angefangen oder auf eine ganz andere Art? Als Leser unseres Blogs könnt ihr uns Kommentare hinterlassen. Und wenn euch der Podcast gefallen hat, dann abonniert den ruhig, dann verpasst ihr auch keine neue Folge! In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal!

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