Mehr Achtsamkeit durch Minimalismus

Achtsamkeit durch Minimalismus

Achtsamkeit wird in unserer heutigen Welt immer wichtiger für das eigene Wohlbefinden. Das habt ihr in letzter Zeit möglicherweise schon häufiger gehört oder gelesen. Wir beschäftigen uns heute mit diesem Thema und drüber hinaus mit der Frage: Wie können wir durch Minimalismus mehr Achtsamkeit in unser Leben bringen?

Was ist Achtsamkeit eigentlich?

Achtsamkeit bedeutet für mein Verständnis, sich auf genau das zu konzentrieren, was vor einem liegt. Manche nennen es auch “im Hier und Jetzt leben”. Das kann zum Beispiel bedeuten, sich beim ersten Kaffee am Morgen nur darauf zu konzentrieren und eben nicht gleichzeitig Nachrichten im Radio zu hören oder durch die Zeitung zu blättern.

Dem Minimalist gefällt dieser Ansatz sehr gut, denn er möchte grundsätzlich der Flut von zu vielen Reizen gleichzeitig entkommen. Allerdings fällt vielen Menschen zunehmend schwerer, sich wirklich nur auf eine einzelne Sache oder Tätigkeit zu konzentrieren.

Ihr kennt es sicherlich alle: Man muss in irgendeiner Situation in seinem Alltag warten, egal ob auf den Bus, in der Schlange an der Kasse oder vor einem Büro im Rathaus. Was passiert? Man holt das Smartphone aus der Tasche, liest Emails, Textnachrichten aller Art oder schlicht die aktuellen News.

Der Einzug der UnAchtsamkeit

Wir haben verlernt uns zu langweilen – das klingt im ersten Moment komisch oder? Aber ganz ehrlich, wer von euch wird nicht direkt nervös und hat ein enormes Bedürfnis sich mit irgendetwas zu beschäftigen, sobald man mal 5 Minuten warten muss?

Dieses Bedürfnis ist es, was uns die Achtsamkeit genommen hat. Eigentlich könnten wir, wann immer wir auf den nächsten Zug warten, die Wolken am Himmel beobachten, oder die Augen schließen und unsere Gedanken treiben lassen – tatsächlich wäre dieser Ansatz wesentlich gesünder. Aber das plötzliche Ausbleiben der schon gewohnten allgegenwärtigen Reizflut macht uns nervös.

Hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel. Und so absurd es klingen mag sich nur auf den ersten Kaffee am Morgen zu konzentrieren, und so mühsam es viele Menschen erst einmal neu erlernen müssen, kann es die Geschwindigkeit verringern mit der wir in den Tag starten. Probiert es selbst einmal aus und achtet darauf wie sich möglicherweise eure Stimmung am Morgen dadurch verbessert.

Warum Achtsamkeit schon immer wichtig war

Nach 20 Jahren Berufsleben habe ich für mich endlich eine Antwort gefunden – weil ich das Glück hatte in meiner Kindheit Menschen kennenzulernen, die allesamt viel viel ausgeglichener waren als jeder, dem ich heute im Alltag begegne. Manchmal erzähle ich Arbeitskollegen die Geschichte, wie ich einen beträchtlichen Teil meiner Kindheit in einem sehr kleinen Dorf auf dem Land verbracht habe.

Ich war im Grundschulalter dabei, wie das erste Kabelfernsehen dort ankam. Zum Teil hatten einige der Bauerhöfe noch gar keinen Strom (bzw. zwar einen Anschluss bis zum Gebäude, aber noch keine Leitungen im Haus). Die Bewohner hatten schlichtweg gar keinen Bedarf oder Sinn darin gesehen. Sie benutzten Kerzen als Lichtquelle und sind genau wie ihre Tiere mit der Sonne aufgestanden und zu Bett gegangen. Und das zu Beginn der 1980er Jahre.

Hier finden wir nun den Grund, warum ich meinen Arbeitskollegen von meiner Kindheit auf dem Land erzähle. In früheren Tagen, vor Internet, Handy und Sameday-Zustellung, war Achtsamkeit von Natur aus in den Alltag eingebaut. Nach getaner Arbeit hat man sich daran erfreut, auf der Straße mit dem Nachbarn zu plaudern, ein gutes Buch zu lesen oder hinter seinem Haus zu sitzen und den Vögeln beim Nestbau zuzusehen ( Ja, ich habe das in meiner Kindheit wirklich mit meinem Großvater gemacht).

UnAchtsamkeit vor 1000 Jahren

Nur zum Spaß gehen wir noch einmal 1000 Jahre zurück und zeichnen eine Karikatur: Wir stellen uns einen Dorfschmied vor, der ein Pferd mit einem neuen Hufeisen beschlägt. (Ihr dürft jetzt lachen)

Angenommen er schlägt gerade das glühende Hufeisen in die entscheidende Form und genau in diesem Moment klingelt sein Handy. Wahrscheinlich ist er kurz irritiert und abgelenkt und genau dadurch kommt sein Daumen zwischen den Hammer und das glühende Hufeisen. Keine sehr schöne Vorstellung, oder?

Heutzutage wird uns das Aufpassen auf uns selbst dagegen abgenommen. Wir haben Ampeln, Lichschranken und Alarme. Durchsagen in Zug und Bus. Warnhinweise und Inhaltsstoffe auf allen Lebensmitteln. Wir müssen auf nichts mehr selbst achtgeben und können auf unser Handy starrend über den Zebrastreifen torkeln. Die Notwendigkeit immer voll und ganz bei der Sache zu sein, gibt es in vielen Fällen gar nicht mehr. Dabei handelt es sich zugleich um Fluch und Segen.

Ich will nicht bestreiten, dass diese Umgebung in der wir leben, viele Dinge erleichtert und sicherer macht. Es ist gut und richtig, Sicherheit zu schaffen, aber ihr werdet mir zustimmen, dass es der Mangel an Verantwortung für sich selbst ist, die einen auch schnell leichtsinnig werden lässt.

Holt euch mit Achtsamkeit ein Stück Existenz zurück

Am Ende haben wir mehr von unserem Leben, indem wir es selbst in die Hand nehmen – indem wir die Verantwortung annehmen, die uns abgenommen wurde. Und wenn man sich bewusst dafür entscheidet, sich selber mit den wesentlichen Dingen zu beschäftigen, dann hat man auch mehr von seinem Leben.

Natürlich ist zusätzliche Zeit, die entsteht, weil einem Verantwortung abgenommen wurde an sich etwas Positives. Aber wie sinnvoll ist es, sie mit einer Reizflut zu füllen, die aus irrelevanten und zusammenhangslosen Informationen besteht?

Deshalb geben Minimalismus und Achtsamkeit ein wundervolles Paar ab

Sobald man sich auf das Wesentliche konzentriert, wird man automatisch achtsamer. Der Minimalismus lehrt uns, wie wir uns auf das fokussieren, was uns am wichtigsten ist, während die Achtsamkeit uns beibringt, wie wir genau diese Dinge auch wirklich genießen können.

Selbst wenn es nur der Kaffee am Morgen ist, uns allein gehört dieser Moment, wo noch alles friedlich und ruhig ist. Wir können versuchen 54 Dinge unserer ausgefeilten Morgenroutine gleichzeitig zu machen, aber wie viel haben wir davon und wie bewusst sind wir dabei?

Der minimalistische Ansatz wäre, zuerst die Frage zu stellen, was überflüssig ist. Und achtsam gehen wir mit den Dingen um, die anschließend bleiben.

Minimalismus schafft den Freiraum für die Achtsamkeit

Wenn uns erst einmal klar geworden ist, was für uns am wichtigsten ist, dann haben wir auch die Möglichkeit uns von allem zu befreien, was dafür überflüssig ist oder uns sogar daran hindert. Einige Dinge werden bleiben: Die für uns wirklich wichtigen.

Das kann Zeit mit der Familie sein oder unsere Lieblings-Sportart. Vielleicht ein guter Freund oder unser Hobby. Ganz gleich was es ist, achtsam damit umzugehen macht es größer.

Ich höre zum Beispiel Musik nicht nebenbei – und ich liebe Musik. Wenn ich Musik höre, mache ich nebenher nichts anderes (außer vielleicht ein Glas Wein trinken). Ich höre jedoch keine Musik, wenn ich arbeite, ein Buch lese oder Kleidung falte. Dadurch kann ich mich nur darauf konzentrieren, darin aufgehen und es genießen. Ebenfalls kann ich sehr genau auswählen, was ich wann höre und nach der Stimmung entscheiden in der ich gerade bin.

Mit Hilfe von Minimalismus, schafft ihr euch die Möglichkeiten, euch mit den Dingen zu beschäftigen, die ihr am meisten mögt. Wenn ihr genau solche Freiräume erst einmal geschaffen habt, könnt ihr auch achtsam damit umgehen.

Starrt also mal nicht auf euer Handy, während ihr mit eurem Hund raus geht – sondern beschäftigt euch aktiv mit ihm. Spielen und Trainieren macht ihm Freude und er wird euch die Freude zurück geben. Wenn ihr da ehrlich drüber nachdenkt, werdet ihr auch zu dem Schluss kommen, dass fast alles andere auch eine halbe Stunde warten kann.

4 Minimalistische Schritte zu mehr Achtsamkeit

1. Versucht einmal euch nur auf eure Umgebung zu konzentrieren, wenn ihr das nächste Mal irgendwo warten müsst.

Es ist nicht notwendig jedes Mal zum Smartphone zu greifen, wenn die Schlange an der Kasse etwas länger ist. Schaut zu wie gestresst die Leute um euch herum sind und erfreut euch daran, dass ihr es in diesem Moment eben nicht seid. Glaubt mir: Der Skandal, den ihr in diesem Moment eben NICHT in den News lest, ist morgen früh bereits durch einen noch skandalöseren abgelöst worden. Und für den interessiert sich in einer Woche genausowenig noch irgendjemand.

2. Mein persönliches Ritual nach der Arbeit zum Entschleunigen.

Gönnt euch ein warmes Getränk eurer Wahl sobald ihr zuhause seid. Nehmt einen Tee, Kakao, Cappucino oder auch heiße Milch und nehmt euch ein bisschen Zeit bei der Zubereitung. Dann setzt ihr euch damit an den gemütlichsten Platz in euerer Wohnung. Schließt einfach die Augen oder schaut aus dem Fenster, während ihr euer Getränk genießt.

Ihr werdet feststellen, wie erhohlsam dieser Moment der Ruhe ist. Es schafft eine ganz klare Grenze zwischen dem stressigen Alltag dort draussen und der Zeit danach. Der Moment gehört ganz allein dir.

3. Gönnt euch einen Tag in der Woche, wo ihr komplett auskoppelt und entkommt.

Ich selbst mache gerne am Wochenende mit der Jennifer einen Spaziergang über die Stadtgrenze hinaus, wo es nur noch Wald und Feld gibt. Wenn man dann in der Ferne den Umriss der Stadt sieht und dabei einfach nur stillsteht und durchatmet, wird einem klar und bewusst, wie weit weg das alles für den Moment zum Glück ist.

Oft macht einem erst der Abstand klar, was wichtig und was unwichtig ist. Nutzt stille Momente zum Durchatmen und innerlich klar werden. In solchen Situationen werden eure Gedanken euch sagen, was euch am wichtigsten ist.

4. Pflegt eine eurer Beziehungen. Jeder von uns hat eine ganze Reihe davon, sei es nun Kinder, der Partner, Eltern oder Freunde.

Nehmt euch Zeit für jemanden davon. Schenkt der Person eure ungeteilte Aufmerksamkeit und versucht dabei euch in diese Person hineinzuversetzen. Achtsamkeit bedeutet auch immer Aufmerksamkeit. Zudem führt achtsamer Umgang mit anderen zu einer Möglichkeit, das eigene Handeln und Denken zu reflektieren. Wir gewinnen die Möglichkeit uns selbst zu hinterfragen und dabei zu lernen und zu wachsen. Das Beste ist: Unserem Gegenüber ergeht es dabei genauso.

Jeder Moment ist ein Geschenk und Achtsamkeit lehrt es wertzuschätzen

Etwas Wertvolleres als Zeit kannst du nicht verschenken – deswegen lohnt es sich, achtsam damit umzugehen.

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