Was ist digitaler Minimalismus?

Was ist digitaler Minimalismus?

Kannst du spontan und mit fester Überzeugung sagen, wie häufig du heute auf dein Smartphone geschaut hast? Oder wie viele Stunden du auf Social Media verbracht hast? Wenn nein, dann geht’s dir da wie mir.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin werde ich oft zu Umfragen zum Thema Technologie-Nutzung eingeladen. Und ganz häufig sind genau das die ersten Fragen, die gestellt werden. Jedes Mal grübel ich eine ganze Weile rum und versuche eine möglichst richtige Antwort zu geben. Gleichzeitig bin ich mir aber sicher, dass ich meine Technologie-Nutzung jedes Mal hoffnungslos unterschätze.

Wenn du dich fragst, was digitaler Minimalismus ist, dann wahrscheinlich genau aus diesem Grund: Weil du den Eindruck hast, dass deine Technologien dich besitzen und nicht du deine Technologien. Weil du dich fragst, ob du dank Internet, Smartphone und Social Media wirklich glücklicher, zufriedener und weniger allein bist.

Genau an diesem Punkt setzt Cal Newport mit seinem Buch “Digitaler Minimalismus: Besser leben mit weniger Technologie” an. Für ihn ist digitaler Minimalismus eine Philosophie, die uns hilft zu erkennen, welche Technologien unser Leben wirklich bereichern.

Wann bringt dir digitaler Minimalismus etwas?

Du weißt gar nicht, wie viele Stunden am Tag du online bist.

Insbesondere Social Media sind bewusst so gestaltet, dass sie Suchtpotenzial haben. Du guckst ständig nach, wie viele Likes dein neuer Post inzwischen hat. Du vergisst die Zeit, während du durch deinen endlosen Newsfeed scrollst. Filter-Algorithmen zeigen dir genau das, was du sehen möchtest. Du hast dir ein YouTube-Video angeschaut und schon wird dir das Nächste vorgeschlagen. Am Ende kannst du gar nicht mehr sagen, wie viele Videos du eigentlich geguckt hast und wo die Zeit hin ist. Je mehr Zeit du im Internet verbringst, desto besser kennen dich die Algorithmen. Und desto schwieriger wird es sich all diesen personalisierten Inhalten entziehen.

Du hast ständig Angst, etwas zu verpassen.

Man nennt das auch fear of missing out (kurz: FOMO). Du kriegst auf deinem Smartphone ständig Benachrichtigungen. Das Smartphone vibriert oder leuchtet auf. Dein Blick huscht ganz automatisch zum Bildschirm – du könntest ja etwas Wichtiges verpassen. Aber wie oft ist das wirklich der Fall? Oft ärgerst du dich über die Belanglosigkeit der Benachrichtigungen und, dass du dafür gerade eine wichtige Aktivität unterbrochen hast.

Du hältst es nicht aus, einfach mal nichts zu tun.

Du wachst auf und schon greifst du zum Smartphone auf dem Nachttisch und checkst deine Social-Media-Kanäle. Du musst an der Bushaltestelle, am Bahnhof oder an der roten Ampel kurz warten. Ohne überhaupt eine bewusste Entscheidung zu treffen, ziehst du das Smartphone aus der Tasche und schaust was es Neues gibt. Du bist so sehr daran gewöhnt beschäftigt zu sein, dass du selbst bei kurzen Wartezeiten ohne dein Smartphone eine Unruhe spürst.

Du fühlst dich schlapp und energielos.

Sei es nach der Schule, Uni oder Arbeit – wenn du nach Hause kommst, bist du k.o.  und möchtest dich einfach nur entspannen. Theoretisch weißt du, dass Bewegung an der frischen Luft und Sport gut für dich sein sollen, aber das kommt dir zu anstrengend vor. Stattdessen legst du dich aufs Sofa und entscheidest dich eine Serie bei Netflix zu bingen. Du bist überrascht, wie schnell der Feierabend wieder rumgegangen ist und kannst am Ende nicht einmal sagen, dass du dich glücklich und erholt fühlst.

Dir gehen schnell die Gesprächsthemen aus.

Du sitzt mit Familie oder Freunden zusammen und irgendwann stockt die Unterhaltung. Dann zückt jemand sein Smartphone und zeigt dir ein “lustiges” Video, das letztens in einer WhatsApp-Gruppe rumgeschickt wurde. Noch bevor du das Video zu Ende geguckt hast und einen Kommentar dazu abgeben konntest, fängt der Nächste an in seinem Chatverlauf nach dem lustigsten Video zu stöbern. Spätestens ab diesem Punkt ist es auch nicht mehr möglich, wieder eine normale Unterhaltung ans Laufen zu bringen.

Dir fällt es schwer, Dinge zu erledigen.

Wenn dich eine unangenehme oder schwierige Aufgabe erwartet, guckst du zwischendurch mal “kurz”, was es Neues auf Social Media gibt. Die Aufgabe kann man ja auch später noch angehen. Die Ablenkung durch neue Technologien hält dich nicht nur von deinen Pflichtaufgaben ab. Du wolltest auch immer schon eine neue Sprache lernen oder endlich Gitarre spielen können. Streng genommen hättest du auch jeden Tag locker eine halbe Stunde Zeit dafür. Wenn du diese Zeit nicht gerade auf sozialen Medien oder bei Netflix verbringen würdest.

Du bist ängstlich geworden.

Jeden Tag checkst du die wichtigsten Nachrichten des Tages in deiner App. Doch dank GPS kennt dein Handy deinen Standort und versucht dir möglichst relevante Nachrichten zu liefern. Das heißt du liest ständig, dass in deinem Wohnort jemand vergewaltigt wurde, in deiner Heimatstadt jemand ermordet wurde und in der U-Bahn, mit der du zur Arbeit fährst, gab es eine Schlägerei. Mittlerweile hast du das Gefühl das Verbrechen ist überall und bemerkst, dass du wachsamer geworden bist als früher. Natürlich gibt es auch woanders auf der Welt Verbrechen und wahrscheinlich ist dein Wohnort im Vergleich gar nicht so gefährlich. Aber dein Handy zeigt dir eben, was persönlich für dich am meisten relevant ist.

In 3 Schritten mit digitalem Minimalismus anfangen

Wenn du dich zumindest in einzelnen Beschreibungen wiedererkannt hast, fragst du dich jetzt vielleicht “Wie kann ich digitaler Minimalist werden?”. In seinem Buch über digitalen Minimalismus beschreibt Cal Newport wie du in 3 Schritten zu einem bewussteren Umgang mit den Technologien in deinem Leben kommst. 

  1. Verzichte 30 Tage lang auf alle optionalen Technologien in deinem Alltag: Dies umfasst alle Technologien, die du nicht für die Erledigung deiner Arbeit brauchst oder um deinen Alltag im Griff behalten. Der letzte Punkt lädt natürlich zum Schummeln ein, dennoch sollte man hier so streng wie möglich zu sich selbst sein. Vielleicht brauchst du dein Handy um für deine Familie im Notfall erreichbar zu sein, aber das geht auch, wenn du die Internetverbindung deaktivierst.
  2. Finde in den 30 Tagen heraus, was dir wichtig ist und dich glücklich macht: Du wirst viel mehr Zeit haben und dich am Anfang vielleicht sogar langweilen. Also nutze die Zeit und experimentiere mit ein paar Offline-Aktivitäten.
  3. Treffe nach 30 Tagen eine bewusste Entscheidung darüber, welche optionalen Technologien wieder in dein Leben dürfen: Lege dabei fest, zu welchem Zweck du diese Technologien wieder in dein Leben lässt und welche Regeln du für die Nutzung beachten möchtest.

Hierzu ein Beispiel: Du legst Wert darauf, Zeit mit deiner Familie und deinen Freunden zu verbringen. Da alle am besten über WhatsApp erreichbar sind, entscheidest du dich die App auch in Zukunft für Verabredungen zu nutzen. Allerdings legst du auch fest, dass du keinen Gruppen beitrittst, alle Benachrichtigungen deaktivierst und die App nur einmal am Tag öffnest.

Das Beispiel macht ganz gut deutlich, was digitaler Minimalismus eigentlich ist. Digitale Minimalisten lehnen Technologien nicht grundsätzlich ab und wollen auch nicht zurück ins Mittelalter. Es geht vielmehr darum zu reflektieren, welche Technologien wirklich eine Bereicherung für das eigene Leben darstellen. Auf diese Weise wird Technologie wieder zu einem Werkzeug, das wir bewusst zu seinem bestimmten Zweck einsetzen.

Wie kannst du die gewonnene Zeit nutzen?

Während du 30 Tage auf optionale Technologien verzichtest, gilt es die gewonnene Zeit bewusster zu nutzen als zuvor. Nur wenn du in dieser Zeit eine Bereicherung deines Lebens feststellst, dann schaffst du es auch nach den 30 Tagen weiterhin als digitaler Minimalist zu leben. Das kannst du zum Beispiel in deiner neu gewonnenen Freizeit machen:

  • Besuche jemanden, den du schon viel zu lange nicht gesehen hast
  • Mache einen langen Spaziergang oder einen Stadtbummel
  • Lese ein Buch oder fange an selbst eins zu schreiben
  • Spiele ein Gesellschaftsspiel
  • Fange an Tagebuch zu führen
  • Hilf Freunden oder Familie beim Umzug oder bei der Gartenarbeit
  • Setze dich in ein Café und beobachte das geschäftige Treiben
  • Nimm an einem Kurs teil und lerne z.B. eine neue Sprache, Kochen oder Zeichnen

Hast du schonmal ausprobiert eine Zeit lang auf Technologien zu verzichten? Dann schreib uns doch in den Kommentaren über deine Erfahrung! Wie schwierig war das? Was hast du über dich gelernt? Und wie hat sich deine Technologie-Nutzung danach geändert?

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