Was ich durch WoW Classic über Minimalismus gelernt habe

Zum 15. Geburtstag von World of Warcraft (WoW) rief Blizzard WoW Classic wieder ins Leben. Alteingesessene WoW Spieler sind in heller Aufregung und können es kaum abwarten ihre Legende wiederzubeleben. Ich war erst nicht so begeistert, denn zu Zeiten von WoW Classic habe ich das Spiel noch gar nicht gespielt.

Damals habe ich Guild Wars gespielt und dabei habe ich nicht wirklich viel Positives über WoW gehört. In dem Spiel ginge es nur um “Grinden”, sprich stumpfes Gegner töten. Man bräuchte am Ende Monate um auch nur ein Level zu machen. Das klang für mich nach einem starken Kontrast zu Guild Wars, wo man schon nach einer kurzen Zeit das Maximal-Level erreichte und Endgame genießen konnte.

Besser spät als nie: Mein WoW-Einstieg mit der Draenor-Erweiterung

Viele Jahre später gab ich WoW dann doch mal eine Chance. Und fand es gar nicht so schlecht, vermutlich weil sich durch die zahlreichen Erweiterungen auch einiges am Spiel geändert hatte.

Das Leveln war gar nicht so mühselig. Im Startgebiet haut man mit einem Schlag drei Wölfe um und schon ist man Level 2. Am selben Abend schafft man es locker auf Level 10. Selbst dem lausigsten Gegner kann man Taschen voller Gold abknöpfen, sodass man sich sehr bald ein schnelles Reittier zulegen kann. Besonders toll fand ich, dass man sogar fliegen konnte.

Überforderung und der Drang zum Komplettieren

Und was es in dem Spiel alles zu tun gab – von wegen nur Grinden. Es galt Achievements zu ergattern, Titel zu verdienen, Schätze zu finden, Haustierkämpfe zu gewinnen, seinen Ruf bei unzähligen Fraktionen zu steigern, seine eigene Garnison inklusive Schiffswerft auszubauen, einen eigenen Klassen-Orden anzuführen, …

Wenn man WoW längere Zeit spielt, stellt sich unvermeidlich das Gefühl ein, dass man niemals irgendetwas in dem Spiel vervollständigen kann. Ich erwische mich immer irgendwann dabei, dass sich Spielen wie Arbeit anfühlt. Man macht Dinge auf die man eigentlich gar keine Lust hat, nur um irgendeinen virtuellen Titel oder irgendein virtuelles Achievement zu erlangen.

Erhalte den Schatzjäger-Titel, wenn du 100 Schätze ausgräbst. Erhalte ein episches Bergziegen-Reittier, wenn du bei den Ackerbauern deinen Ruf auf Ehrfürchtig steigerst. Schalte das Leerenelfen-Volk frei, indem du über einen Zeitraum von einem Monat die täglichen Quests für die Fraktion erfüllst. Die Liste könnte ich endlos weiter fortführen.

Was ich einmal angefangen habe, will ich auch beenden

Auf mich hat so ein Spiel-Design eine regelrecht toxische Wirkung. Wenn ich bereits 70 Schätze ausgegraben habe, will ich gefälligst auch noch weitere 30 Schätze finden, um den Schatzjäger-Titel einzuheimsen. Es hat sogar Spaß gemacht, die ersten paar Schätze auszugraben, aber irgendwann wird es zu einem Zwang, um den Titel zu erreichen.

Und klar, will ich das Leerenelfen-Volk freischalten, aber dafür jeden Tag über einen langen Zeitraum immer wieder dieselben Quests erledigen? Ich mache es trotzdem, denn ich hätte ja meine Zeit verschwendet, wenn ich nach der Hälfte der Zeit aufgebe.

Zurück zu WoW Classic: Was war damals anders?

Nach 15 Jahren Spielhistorie gab es in WoW einfach so viel zu tun. Da war ich tatsächlich neugierig, wie es wohl ganz am Anfang zu Zeiten von WoW Classic war. Und überraschenderweise gefällt es mir richtig gut, obwohl das Spiel so viel weniger Inhalte bietet und man deutlich langsamer Fortschritte macht.

WoW Classic bedeutet tatsächlich viel Grinden. Man nimmt sich einen Gegner vor und man muss sich richtig auf den Kampf konzentrieren, um nicht schon im Startgebiet mehrfach den Löffel abzugeben. Man bekommt eine überschaubare Anzahl an mittelmäßig spannenden Quests. Im Wesentlichen läuft es immer darauf hinaus irgendwelche Gegner umzuhauen oder Gegenstände zu besorgen.

Man bekommt Gold und Ausrüstung nicht einfach so hinterhergeworfen. Hier und da findet man mal eine stark bewachte Schatzkiste und muss sich dann strategisch überlegen, wie man mit den Gegnern fertig wird, um an die Beute zu kommen. Man kann nicht einfach die automatische Gruppensuche nutzen, sondern muss so richtig mit den anderen Spielern reden, wenn man Mitstreiter sucht.

Weniger Inhalte und Belohnungen = weniger Spielspaß?

Die Menge an Gold ist so begrenzt, dass man sich wirklich genau überlegen muss, wofür man es ausgibt. An ein schnelles Reittier ist noch lange nicht zu denken. Das lässt die Spieler-Gemeinschaft auch wieder hilfsbereiter werden.

Man stellt nicht einfach all seine Ressourcen für überteuerte Preise ins Auktionshaus. Stattdessen werden Tauschgeschäfte im Handelschat vorgeschlagen. Der Schneider bietet im Austausch gegen Materialien das Fertigen von größeren Taschen an. Der Magier bietet seine Portaldienste gegen ein kleines Trinkgeld an.

Kurzum: In WoW Classic fokussiert man sich wieder auf das Wesentliche. Auf den Gegner, den man gerade vor sich hat. Auf die anderen Spieler um einen herum und wie man sich gegenseitig behilflich sein kann. Es gibt keine Achievements oder Titel zu erlangen. Das heißt, man läuft nicht mit einem ständigen Drang zum Komplettieren durchs Spiel.

Das zeigt mir, dass ein simples Spiel-Design manchmal einfach genug ist. Wir brauchen keine schnellen Reittiere kurz nach dem Verlassen des Startgebiets oder alle paar Meter ein neues Achievement oder einen neuen Titel oder ein neues Ausrüstungsteil.

Ich habe eher das Gefühl, dass es uns unzufrieden macht, wenn ein Spiel zu viel anbietet. Wir können nie zufrieden sein mit dem was wir erreicht haben, sondern wollen immer noch mehr schaffen.

Und wir sind nie zufrieden mit dem was das Spiel uns anbietet, sondern wollen immer neue Funktionen. Aber hey, was soll denn noch kommen nach Flug-Reittieren, einer eigenen Garnison inklusive Schiffswerft, einem eigenen Klassen-Orden, und und und?

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