Die Reizflut beim Einkaufen

Ich denke, wir kennen das alle: Man hatte einen langen Tag, guckt in den Kühlschrank und stellt fest, dass man dringend noch einkaufen muss. Gestresst und müde schleppt man sich zum Discounter an der Ecke. Dort angekommen fühlt man sich vollkommen erschlagen von der unglaublichen Auswahl an Produkten (wobei mich immer wieder überrascht, wie immun manche Menschen dagegen zu sein scheinen).

Mission Müsli

Ursprünglich bin ich mit einer einfach Mission losgezogen. Nur noch eben ein Müsli besorgen, damit das Frühstück für morgen gesichert ist. Ich steuerte das Müsli-Regal an und ja, es gibt ein ganzes Regal nur für Müsli. Wie viele verschiedene Sorten da wohl drin sind? 30? 40? 50?

Mein Blick fiel auf das Müsli mit Haselnüssen. Ich dachte kurz: “Oh, Haselnüsse sind gut, das nehm ich.” Doch dann wanderte mein Blick nach rechts. Soll ich wirklich das Müsli mit Nüssen nehmen oder vielleicht doch lieber das mit Leinsamen? Die werden doch ständig als heimisches Superfood gehypt.

Vielleicht kaufe ich aber auch lieber das mit den getrockneten Kirschen. Oh, es gibt dasselbe auch mit Blaubeeren und sogar mit weißer Schokolade. Ist das denn jetzt auch zuckerfrei?

Wir sehen hier am Beispiel eines einzigen Produkts, wie diese riesige Auswahl eine Person beschäftigen und ablenken kann. Man verliert sich in Belanglosigkeiten, während die Energie nach und nach verloren geht und die Frustration steigt.

Ein volles Müsliregal veranschaulicht die Reizflut beim Einkaufen.

Die Reizflut beim Einkaufen von Wissenschaftlern untersucht

Das Phänomen ist auch in der Wissenschaft als sogenanntes Auswahl-Paradoxon (engl. Choice Paradoxon) bekannt. Die US-Forscher Sheena Iyengar und Mark Lepper (2000) führten ein Experiment in einem Delikatessenladen durch.

Sie bauten einen Stand auf und boten dort entweder eine kleine Auswahl von 6 Marmeladen oder eine große Auswahl von 24 Marmeladen zum Probieren an. Die große Auswahl machte den Stand attraktiver, denn es hielten immerhin 60 Prozent der Kunden an. Bei der kleinen Auswahl waren es nur 40 Prozent.

Beim Stand mit der großen Auswahl kauften jedoch nur 3 Prozent aller Kunden ein Marmeladen-Glas. Im Vergleich dazu nahmen beim kleinen Stand fast ein Drittel aller Kunden ein Glas mit, denn hier wurden sie nicht von riesiger Auswahl überfordert.

Das Marmeladen-Experiment zeigt, dass eine große Auswahl zwar erst attraktiv wirkt, aber dann  zu Entscheidungsproblemen führt. Bei der kleinen Auswahl ist es leicht, sich für die Marmelade zu entscheiden, die einem am besten schmeckt. Bei einer großen Auswahl möchte man keine schlechte Entscheidung treffen und versucht alle Optionen gegeneinander abzuwägen.

Mit jeder zusätzlichen Auswahlmöglichkeit wird die Entscheidungsfindung komplexer. Im schlimmsten Fall macht uns das handlungsunfähig und wir treffen lieber gar keine Entscheidung. Deshalb habe ich letztendlich auch gar kein Müsli gekauft, obwohl ich doch am Anfang schon das leckere Haselnuss-Müsli entdeckt hatte.

Ist es genug? Macht es mich glücklich?

Letztendlich kann bei jedem Einkauf der Reizflut entgehen, indem man die Entscheidung auf diese beiden Fragen reduziert. Kommen wir noch einmal auf das Müsli zurück. Wenn mein Blick auf das Haselnuss-Müsli fällt, muss ich mich im Grunde nur fragen: Schmeckt mir das? Genügt es meinen Ansprüchen? Freue ich mich schon auf das Frühstück morgen?

Wenn ich das mit „Ja“ beantworten kann – warum sollte ich Zeit und Energie verschwenden noch über 17 andere Sorten nachzudenken? Wahrscheinlich finde ich dann noch 10 weitere potenzielle Müsli-Kandidaten und muss mich mit der Tatsache frustrieren, dass es nicht sinnvoll ist direkt alle Sorten mitzunehmen.

Zugegebenermaßen erfordert dieses bewusste Unterbrechen des Entscheidungsprozesses auch Energie. Auch wenn einem bereits etwas gefällt, ist es gar nicht so einfach, das Teil einfach in den Einkaufswagen zu packen. Irgendwie ist da doch immer dieser Drang sich noch die anderen Optionen anzugucken.

Aber probiert es doch einfach mal aus. Vielleicht nicht unbedingt beim Autokauf. Aber gerade bei so eigentlich belanglosen Dingen wie Müsli, ist es doch einen Versuch wert, der Reizflut beim Einkauf zu entgehen.

genugteam-Autor: Thomas

Quellenangabe

Iyengar, S. & Lepper, M. (2000). When Choice is Demotivating: Can One Desire Too Much of a Good Thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79, 995-1006.

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