Was ist Minimalismus?

Minimalistisch leben ist ein regelrechter Trend geworden. Im November 2008 reduzierte der US-amerikanische Konsumkritiker David Bruno seinen persönlichen Besitz auf 100 Gegenstände und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen. Seitdem nimmt die Anzahl der YouTube-Kanäle und Blogs zum Thema Minimalismus stetig zu. Doch was steckt hinter dem Wegwerfdrang?

Wer beginnt sich mit Minimalismus zu beschäftigen, bekommt leicht den Eindruck Minimalismus hieße mit weißen Wänden und möglichst wenig Möbeln zu leben. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, in welcher Farbe man seine Wände streicht oder wie viele Gegenstände man genau besitzt. Es gibt keine feste Grenze, ab der man ein „echter“ Minimalist ist.

Einfach gesagt heißt Minimalismus: Unnötigen Ballast abwerfen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dabei ist unnötiger Ballast für jeden etwas anderes.

Die einen trennen sich Gegenständen, die nicht genutzt werden und keine Freude bereiten. Andere beenden Beziehungen, die mehr Energie abverlangen als geben. Wieder andere geben Tätigkeiten auf, die nicht dabei helfen ein wichtiges Ziel zu erreichen.

Die Grundidee ist weniger Zeit, Geld und Energie für Unwichtiges im Leben zu verschwenden und sich wieder darauf zu besinnen, was einem im Leben wirklich wichtig ist.

Das heißt aber auch, dass es kein Minimalismus ist, wenn man einmal sein Haus oder seine Wohnung entrümpelt. Vielmehr ist Minimalismus ein Lebensstil, für den man sich jeden Tag aufs Neue entscheidet. Indem man immer wieder reflektiert: Was ist mir eigentlich wichtig? Welche Ziele möchte ich erreichen? Was bereitet mir Freude im Leben?

Warum entscheiden sich Menschen für ein minimalistisches Leben?

Die Idee eines einfachen Lebens ist nicht neu. In vielen Religionen war ein einfaches Leben schon immer erstrebenswert. Der Verzicht auf weltliche Besitztümer macht es leichter sich auf die Bindung zu Gott zu konzentrieren. Weltliche Ansätze zum einfachen Leben lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Bereits rund 400 Jahre vor Christus konzentrierte sich der Philosoph Diogenes von Sinope bewusst nur auf die nötigsten Besitztümer. Überlieferungen nach schlief er in einem Fass und besaß lediglich einen Wollmantel, einen Rucksack mit Proviant und einen Stock. Als Alexander der Große ihm einen Wunsch freistellte, soll seine einzige Bitte gewesen sein: „Geh mir ein wenig aus der Sonne“.

Heute stellt man oft bei einem Umzug zum ersten Mal fest, wie viele Gegenstände sich eigentlich im Laufe der Zeit angehäuft haben. Im Durchschnitt besitzen Deutsche rund 10.000 Gegenstände. Die Auswahl in den Geschäften war noch nie so groß wie heute.

Im Internet und insbesondere auf sozialen Medien werden wir zunehmend mit personalisierter Werbung konfrontiert. Dadurch entstehen bei uns Kaufbedürfnisse, von denen wir noch gar nichts wussten. Zu viel materieller Besitz wirkt belastend. Viele erleben es als befreiend, wenn sie zum ersten Mal bewusst Dinge wegwerfen.

Gleichzeitig ist unsere Lebenswelt komplizierter geworden aufgrund der vielen Wahlmöglichkeiten. Das fängt beim Zahnpasta-Regal im Supermarkt an: Möchte ich lieber Minz-, Kräuter- oder Erdbeergeschmack? Zahnpasta mit Aktivkohle, Whitening-Effekt oder schmerzstillenden Zusätzen?

Auch beruflich haben wir viel mehr Optionen als vorher. In Deutschland gab es im letzten Semester mehr als 19.000 Studiengänge. Wie wählt man da den richtigen und welchen der vielen möglichen Berufe ergreift man danach? Um seine Flexibilität zu beweisen, wird heute dazu geraten alle drei Jahre den Job zu wechseln.

Privat fragt man sich, ob die Ehe wirklich das Richtige für einen ist. Man könnte doch auch eine offene Beziehung führen oder polygam leben.

Unsere Lebensgeschichte hat an Geradlinigkeit verloren, was unabhängiger macht, aber auch die Psyche überfordern kann. Dadurch kann die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben entstehen.

Für viele spielen bei der Entscheidung zu einem minimalistischen Leben auch ethische und ökologische Motive eine Rolle. Durch die globale Klimaschutzbewegung “Fridays for Future” und Netflix-Dokus wie „Cowspiracy“ oder „The True Cost – Der Preis der Mode“ sind Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung wieder wichtige Themen geworden. Minimalismus beinhaltet daher auch bewusstes Konsumieren und Entsorgen. Das kann zum Beispiel heißen den Fleischkonsum zu reduzieren, weniger zu fliegen, Strom zu sparen oder nicht mehr benötigte Gegenstände zu verschenken, zu spenden oder weiterzuverkaufen.

Welche Vorteile bringt ein Leben als Minimalist?

Minimalismus schafft Klarheit. Wir reflektieren mehr über uns selbst, darüber was uns wirklich wichtig ist, was unsere Ziele sind und vor allem darüber was uns im Weg steht. Auf dem Weg zum minimalistischen Leben lernen wir viel über uns selbst. Warum habe ich eine riesige Bücherwand, obwohl ich die meisten Bücher nach dem ersten Mal nie wieder gelesen habe? Was sagt es über mich aus, wenn ich in meiner Wohnung keine Sitzmöglichkeiten für Besucher habe? Fühle ich mich nicht eigentlich immer nur schlecht, wenn ich die ungenutzte Sportausrüstung in der Ecke betrachte?

Minimalismus wirkt befreiend. Indem man sich von der ungenutzten Sportausrüstung zu trennt, die einen immer nur an den eigenen Schweinehund erinnert. Oder indem man sich von Energievampiren in seinem Leben zu verabschiedet und sich dafür mehr auf die Menschen zu konzentriert, die einem Kraft geben.

Minimalismus sorgt für mehr Achtsamkeit. Es ist leichter sich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen, wenn man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt. Sorgt es wirklich für Glück und Entspannung, wenn ich am Schreibtisch ein Stück Kuchen esse, während ich eine Mail beantworte? Ich könnte doch auch eine bewusste Pause einlegen und danach mit neuer Energie zurück an die Arbeit gehen.

Minimalismus schafft Zeit. Das Auswählen, Kaufen, nach Hause bringen, Nutzen, Pflegen, Reparieren und Ersetzen von Gegenständen kostet Zeit. Wer seine materiellen Besitztümer einschränkt, hat mehr Zeit für Erlebnisse mit Familie und Freunden.

Minimalismus nimmt Angst. Minimalisten brauchen oft weniger Platz und ziehen daher in eine kleinere Wohnung. Viele entscheiden sich auch dafür ihr Auto abzuschaffen. Dadurch muss man sich weniger darum sorgen, hohe Rechnungen bezahlen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass Minimalisten grundsätzlich kein Haus oder Auto besitzen dürfen.

Minimalismus unterstützt Nachhaltigkeit. Wer seinen Besitz auf das Wesentliche reduzieren möchte, legt oft Wert auf langlebige Produkte, die ressourcenschonend und unter fairen Bedingungen hergestellt wurden. Viele setzen auf plastikfreie Produkte, sodass bei der Entsorgung weniger Müll anfällt. Durch das Verschenken, Spenden oder Tauschen von Gegenständen lässt sich deren Entsorgung weiter hinauszögern.

Das Wesentliche in Kürze

  • Minimalismus heißt unnötigen Ballast abzuwerfen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
  • Minimalismus ist ein Lebensstil, bei dem man sich von Gegenständen, Beziehungen und Tätigkeiten trennt, die keine Freude bereiten.
  • Bereits in der Antike bevorzugten einige Philosophen ein minimalistisches Leben. 
  • Ein minimalistisches Leben sorgt für mehr Klarheit und Achtsamkeit, schafft mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben und unterstützt Nachhaltigkeit.

genugteam-Autor: Jennifer

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